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Weltwirtschaft: Die Gefahren nehmen zu

Schwächt die Konjunktur sich ab – oder erreichen wir den Boom? Auf der FondsConsult Investment-Konferenz am Tegernsee sprach Prof. Dr. Kai Carstensen, Direktor des Instituts für Statistik und Ökonometrie an der Uni Kiel, über die Aussichten für die Wirtschaft in Deutschland und Europa.

FundResearch: Die Konjunkturdaten sind ja nicht wirklich schlecht. Deutschland scheint sich noch immer im Aufschwung zu befinden. Wie lange wird das gute Wirtschaftsklima anhalten?

Carstensen: Das ist eine Frage, die sich alle Konjunkturforscher momentan stellen. So richtig sicher sind wir uns nicht. Alle statistisch-ökonomischen Modelle sind im Moment auf der Kippe. Wir hatten ein sehr schwaches erstes Quartal, aber es gibt auch einen Stimmungsumschwung, der mit den Unsicherheiten in der Weltwirtschaft – und auch der Weltpolitik – korreliert. Das größte Problem ist sicher mit dem Namen Trump verbunden. Wobei Trump selbst auch nur ein Symptom ist. Viele Menschen weltweit sind offenbar unzufrieden mit der Art, wie Demokratie funktioniert, nämlich mühsam, kompromissorientiert und in kleinen Schritten.

FundResearch: Fürchten Sie denn eine Zeit der Handelskriege?

Carstensen: Die Gefahr hat auf jeden Fall massiv zugenommen. Langfristig viel gravierender als Handelskonflikte zwischen einzelnen Ländern ist die von den USA derzeit offen propagierten Abkehr von einem regelbasierten System hin zu bilateralen „deals“, die – so ist zu befürchten – bei jedem Anlass neu verhandelt werden. Es ist immer mühsam, sich multilateral zu einigen, aber wenn wir alle Regeln über Bord werfen, nimmt die Planungssicherheit für Firmen und Haushalte ab und Investitionen oder große Anschaffungen werden seltener getätigt. Letztlich verlieren wir dadurch alle.

FundResearch: Wo liegen die Gründe für diese Entwicklung?

Carstensen: Die tieferen Gründe liegen offenbar darin, wie Globalisierung wahrgenommen wird. Die Globalisierung ist momentan der Sündenbock für alles, was schiefläuft. Die Arbeitsmarktperspektiven für wenig qualifizierte Arbeitnehmergruppen haben sich in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften in den vergangenen Jahren zum Teil deutlich verschlechtert.  Dies führt zu Verunsicherung. Zum Teil dürfte die Globalisierung hierfür tatsächlich verantwortlich sein, denn die Integration von aufholenden Volkswirtschaften wie China oder Indien führt auch zu Lohnkonkurrenz: Leicht zu verlagernde Tätigkeiten werden jetzt eher dort ausgeführt und haben diesen Ländern ungeheure Wohlstandszuwächse beschert – und damit die globale Ungleichheit reduziert. Der technologische Wandel scheint mir aber viel wichtiger zu sein für die beschriebenen Probleme der weniger Qualifizierten. Aber gegen den technologischen Wandel kann man politisch nicht vorgehen. Computer, Smartphones und 3D-Drucker wieder abzuschaffen ist ja keine relevante Option. Gegen den bösen Freihandel kann man jedoch Zölle erheben.

FundResearch: Ist also die Irrationalität in die Wirtschaftspolitik zurückgekehrt?

Carstensen: Zumindest scheint es mir so, als würden die Lehren der Vergangenheit nicht mehr ernst genommen – Handelskonflikte gab es ja in Fülle und die Welt hat nicht ohne Grund versucht, mit der WTO ein globales System von Governance aufzubauen. Zudem beobachten wir, dass eine “Selbstverständlichkeit des Erreichten” ins Denken eingezogen hat: Wir realisieren nicht mehr, wo wir eigentlich herkommen, sondern verklären die Vergangenheit. Kapital von A nach B zu bewegen, ist für uns heute ja selbstverständlich, gerade innerhalb der EU. Dabei war das bis vor gar nicht allzu langer Zeit ziemlich aufwändig. Viele Leute reden ja gerne von der “guten alten Zeit” und behaupten, dass der Lebensstandard heute nicht mehr steigt. Solche Menschen frage ich gerne: Wie haben Sie denn im Jahre 1985 telefoniert, wie sind Sie gereist, mit welchem Auto sind Sie gefahren? Welche medizinische Versorgung gab es damals? Dann stellt sich schnell heraus, dass kaum jemand zurück möchte, ohne die Errungenschaften der Technik mitzunehmen. Das ist die Gedankenwelt, mit der die Politik heute umgehen und in der sie sich bewegen muss. Keine kleine Herausforderung.

FundResearch: Wie ist denn die Stimmungslage für den wirtschaftlichen Ausblick?

Carstensen: Wir haben in der Weltwirtschaft und speziell in Europa eine Zeit der relativen Ruhe und des Aufholens erlebt, die noch nicht vorbei ist. Nach der Eurokrise und der Krise in Griechenland rappeln sich die Staaten wieder auf. Wenn wir uns das Wirtschaftsklima in den verschiedenen Regionen anschauen, sehen wir vielerorts ein ähnliches Bild: Die Lage ist auf ein recht hohes Niveau gestiegen und von dort bewegt sie sich momentan seitwärts. Und die Erwartungen beginnen bereits zu bröckeln.

ifo-Wirtschaftsklima für den Euroraum

ifo-Wirtschaftsklima für den Euroraum
ifo-Wirtschaftsklima für den Euroraum

Quelle: ifo Institut, eigene Berechnungen

FundResearch: Wäre eine erneute Krise derzeit überhaupt zu überstehen?

Carstensen: Die meisten Staaten der Eurozone sind tatsächlich vorangekommen. Die Leistungsbilanzen sind weitgehend im Lot, die staatliche Neuverschuldung ist deutlich zurückgegangen und liegt fast überall wieder im Bereich des Erlaubten. Auch die Arbeitslosigkeit bewegt sich nach unten, selbst in den ehemaligen Krisenländern. Die Richtung stimmt also, die sogenannten Flussgrößen haben sich angepasst.

Problematisch bleiben die Bestandsgrößen. Jeder, der einmal ein Haus finanziert hat, weiß, dass es viele Jahre der privaten „Überschüsse“ bedarf um einen Immobilienkredit abzubezahlen. Bei der Staatsverschuldung ist das nicht anders. Die Schuldenstände haben in den vergangenen Krisen dramatisch zugenommen. Eine erneute Rezession können Länder wie Italien wohl kaum ohne massive Erschütterungen überstehen. Auch in vielen anderen Eurostaaten dürfte die hohe Verschuldung den Handlungsspielraum bei einer künftigen Krise stark einengen.

Hinzu kommt, dass die Arbeitslosigkeit in mehreren Ländern trotz zum Teil deutlicher Rückgänge noch hoch ist. In Italien liegt sie aktuell bei 12 Prozent, in Spanien und Griechenland ist die Situation mit 15 respektive 20 Prozent wesentlich schlimmer. Zunehmend dürfte sich dort das Problem stellen, dass die gut Vermittelbaren wieder einen Job haben und Langzeitarbeitslose übrigbleiben, die besonders schwer wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren sind. All dies stellt nach wie vor eine immense Belastung für die Sozialsysteme dar.

Wir hatten jetzt ein paar gute Jahre. Die Erholung ist vorangekommen, die Krisen-Resilienz ist aber noch gering: Es darf jetzt nichts passieren. Das ist möglicherweise einer der Gründe, warum die EZB immer noch Geld in die Märkte pumpt, obwohl es geldpolitisch nicht mehr geboten erscheint – falls es das je war.

FundResearch: Wie präsentiert sich das Bild für Deutschland?

Carstensen: Wenn wir die Indikatoren für Deutschland betrachten, so bietet sich ein in der Grundtendenz positives Bild: Das BIP ist in den vergangenen fünf Jahren mit Jahresraten von durchschnittlich zwei Prozent gestiegen, die Ausrüstungsinvestitionen haben um rund 20 Prozent zugenommen und die Zahl der Erwerbstätigen ist ebenfalls deutlich gestiegen. Vom Aufschwung hat auch der private Konsum erheblich profitiert. Und der Wohnungsbau ist bereits im Boom, auch wenn er zuletzt nicht mehr so stark gestiegen ist – da dürften Kapazitätsengpässe eine Rolle spielen. Trotz der noch guten Konjunktur dürfte die Inflationsrate im Jahresdurchschnitt wohl nur um die zwei Prozent liegen.

Am aktuellen Rand mehren sich aber die Signale, die ein Abflauen der Konjunktur nahelegen, nicht zuletzt der für Deutschland besonders aussagekräftige ifo Index. Die Verunsicherung über die Zukunft des Welthandels ist für eine Exportnation wie Deutschland zweifellos problematisch. Zwar nehmen die Kapazitätsengpässe zu und die Investitionen ziehen folgerichtig wieder an, viele Firmen fragen sich derzeit angesichts der ungeklärten Handelsfragen aber offenbar, ob sie bei Erweiterungsinvestitionen nicht doch etwas vorsichtiger vorgehen sollen. Das dämpft die Entwicklung, ohne bisher aber die Konjunktur gänzlich abzuwürgen.

Eine Achillesferse für Ökonomien können zudem die Vermögenswerte darstellen: Wenn wir die Preisentwicklung von Wohnimmobilien in den USA zwischen 1991 und 2009 mit den Immobilienpreisen in Deutschland ab 2005 vergleichen, sehen wir eine erstaunliche Kongruenz. So gesehen, müsste in Deutschland im Jahr 2021 eine Immobilienkrise stattfinden. Der Vergleich hinkt natürlich, schon allein weil die Finanzierungskonditionen weniger problematisch sind als damals in den USA, aber auch weil die Bundesbank die Entwicklung sehr genau verfolgt und Eingriffsmöglichkeiten besitzt. Aber er ist ein Indiz dafür, dass wir uns auf einem Weg befinden wie zuvor die USA, aber auch Spanien und Irland. Das kann zu einer Blase führen, die platzt. Irgendwann wird die Luft einfach extrem dünn.

Preisindizes für Wohnimmobilien in Deutschland und USA

Preisindizes für Wohnimmobilien in Deutschland und USA
Preisindizes für Wohnimmobilien in Deutschland und USA

Quelle: Bundesbank, US National Home Price Index, eigene Berechnungen

FundResearch: Ist also der Aufschwung jetzt bald vorbei?

Carstensen: Der Boom in Deutschland scheint jedenfalls verschoben zu sein, er ist aber noch nicht vom Tisch. Wir verzeichnen aktuell eine rückläufige Industrieproduktion. Aber es ist noch nicht sicher, ob der Rückgang sich verstärkt oder nicht. Die Berechnungen einiger Volkswirte zeigen eine rote Ampel, andere sind schon wieder auf Gelb. Unser eigenes Modell weist für den Juni eine Rezessions-Wahrscheinlichkeit von 65 Prozent auf – das heißt aber nur, dass wir in zwei von drei Fällen eine Rezession sehen würden. Wir wissen aber nicht, in welchem der drei Fälle wir uns gerade befinden.



Zur Investment-Konferenz am Tegernsee gelangen Sie über diesen Link.

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