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Kritik an EZB nimmt zu

Die Zinsen in Europa bleiben im Keller. Angesichts zahlreicher Unsicherheiten über den weiteren Konjunkturverlauf verschiebt die Europäische Zentralbank die Zinswende bis weit ins nächste Jahr, wie die obersten Währungshüter am Donnerstag mitteilten. Asset-Manager halten das für einen Fehler.

 

Die Europäische Zentralbank (EZB) lässt den Leitzins unverändert auf Nullniveau – mindestens bis Mitte 2020. Das teilten die obersten Währungshüter am Donnerstag mit. Damit verlängert die EZB das Niedrigzinsversprechen um sechs Monate; zuvor hieß es, sie wolle den Leitzins mindestens bis Herbst 2019 unangetastet lassen. Der Einlagenzins, den Banken zahlen müssen, wenn sie Geld bei der EZB parken, liegt nun weiterhin und bis auf weiteres bei minus 0,4 Prozent. Statt die Zinsen zu erhöhen, will EZB-Chef Mario Draghi den Banken mit günstigen Zinskonditionen für Langfristkredite unter die Arme greifen, in der Fachwelt „TLTRO III“ genannt. Ab September erhalten Banken über das neue Instrument eine Prämie von 0,3 Prozent, wenn sie sich über die EZB Kapital borgen.

Die Notenbank enttäuschte die Erwartungen vieler Experten, die sich von der EZB vor allem ein Entgegenkommen bei den Strafzinsen erhofft hatten. Wolfgang Bauer, Fondsmanager im Anleiheteam bei M&G Investments, sieht das neue Langfristkreditprogramm aber positiv: „Auch wenn die EZB nicht so weit gegangen ist, wie einige erwartet hatten, so zeigt die Auflage von TLTRO-III deutlich, dass die EZB die Sorgen europäischer Banken ernst nimmt“, sagt der Anlageexperte. Investoren, die Aktien europäischer Banken halten, sollte das beruhigen.

Die erneute Verschiebung der Zinswende kam wenig überraschend. „Der Kollaps der Rendite auf deutsche Staatsanleihen in den vergangenen Wochen signalisierte ja, dass sich die Märkte nicht um mögliche Zinserhöhungen sorgen, sondern ganz im Gegenteil eine weitere Zinssenkung als wahrscheinlich erachten“, sagt Bauer.

Die Aussicht auf weiter niedrige Leitzinsen hat vergangene Woche die Kurse am Anleihenmarkt nach oben getrieben. Spiegelbildlich markierte die Rendite der richtungweisenden zehnjährigen Bundesanleihe am Donnerstag mit zeitweise minus 0,2418 Prozent einen neuen historischen Tiefstand.

EZB hat ihr Pulver verschossen

Viele Marktbeobachtern fragen sich indes mit Sorge, wohin die ultralockere Geldpolitik der Zentralbank einmal führen wird. „Der Werkzeugkasten der EZB ist leer“, sagt Andrew Mulliner, Portfoliomanager im  Fixed Income Team bei JanusHenderson Investments. Die Zinsen sind auf dem Tiefststand, das milliardenschwere Anleihe-Kaufprogramm ist abgeschlossen. Kühlt die Wirtschaft weiter ab, könnte es der Notenbank schwer fallen, ihre selbstgesteckten Ziele noch zu erreichen. „Es erweckt zunehmend den Anschein, als würde die EZB versuchen, die Titanic mit einem Teelöffel zu retten“, sagt Mulliner.

Ihre Entscheidung begründen die Währungshüter mit der zuletzt rückläufigen Konjunktur in der Euro-Zone. Der globale Gegenwind belaste die Wirtschaftsentwicklung in Europa, sagte Draghi. Er verwies auf die aktuelle Geopolitik mit zunehmendem Protektionismus, einer schwächelnden Wirtschaft in den Schwellenländern und dem nach wie vor ungelösten Brexit. Fazit der Marktbeobachter nach dieser pessimistischen Botschaft aus Frankfurt: „Wir gehen davon aus, dass die Leitzinsen im Euro-Raum noch länger niedrig bleiben werden“, sagt Andrew Wilson, Leiter der Anleihesparte bei Goldman Sachs Asset Management. Die Konjunktur in der Eurozone habe ihren Höhepunkt Ende 2017 überschritten. In Deutschland habe die Arbeitslosenquote erstmals seit 2016 wieder angezogen. Insgesamt seien die Inflationserwartungen so niedrig wie seit 2015 nicht mehr, sagt der Anleiheexperte. Damals reagierte die EZB mit einer drastischen Ausweitung ihres Anleihe-Kaufprogramms auf die Abkühlung. Welche Konsequenzen sie diesmal zieht, ist offen.

 

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