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Robeco: Nachhaltigkeit nicht als eindimensionale Angelegenheit darstellen

Wer nachhaltig investieren will, hat eine Fülle von Auswahlmöglichkeiten. Masja Zandbergen spricht über die Dilemmata, vor denen Anleger stehen, wenn sie auf Nachhaltigkeit setzen.

Nachhaltigkeit ist die nächste große Sache der Assetmanagement-Branche. Gab es einen konkreten Wendepunkt, oder hat sich Sustainable Investing bei Robeco allmählich entwickelt?

„Tatsächlich trifft beides zu. Es gab eine allmähliche Entwicklung. Anfangs waren es nur ein paar Mitarbeiter. Inzwischen sind alle beteiligt, und ich glaube sogar, dass das ein Grund ist, warum Leute bei Robeco arbeiten wollen – weil Nachhaltigkeit bei uns ein so großes Thema ist. In den letzten zwei Jahren hat Sustainable Investing aber richtig Fahrt aufgenommen. Das liegt zum Teil am Markt, an Regulierungsbestimmungen, am Klimawandel und an Problemen mit unserem Müll. Man kann das nicht länger ignorieren. Und diese Themen sind für die neue Generation wichtig, deren Meinung immer größeres Gewicht hat. Viele verschiedene Kräfte wirken jetzt zusammen. Als Gesellschaft müssen wir nachhaltiger leben. Sonst schaffen wir es einfach nicht.“


Sind wir jetzt in einer Ära wirklicher Veränderungen?

Sind wir jetzt in einer Ära wirklicher Veränderungen? Der jüngste Erfolg durch aktive Einflussnahme auf Shell könnte ein Hinweis darauf sein. Sind die Menschen mental bereit für große Veränderungen? Erkennen sie, dass es nicht nur um Rendite geht, sondern auch um die Zukunft unseres Planeten und unserer Kinder?

„Ich finde es schwierig, hierauf zu antworten – vielleicht weil ich zu nahe an diesem Thema bin. Ich spreche nur noch mit Kunden, die schon auf derselben Wellenlänge sind. Ganz offen gesagt glaube ich, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben – auch wenn man bereits sehen kann, dass Veränderungen im Gange sind. Unternehmen müssen bereit sein, Investitionen zu tätigen, die sich erst nach sehr langer Zeit bezahlt machen werden. Das ist nach wie vor ein Dilemma.“

Der ewige Konflikt zwischen kurzfristigen Gewinnen und einer langfristigen Perspektive.

„Ja, und zwischen finanziellen, umweltbezogenen und sozialen Werten. Das Gemeinwohl hat keinen Preis, sollte aber einen haben. Wir sind alle bereit, Lippenbekenntnisse zur Nachhaltigkeit abzugeben, weil Nachhaltigkeit gut für alle ist. Oft muss man aber zunächst einmal die Kosten tragen, bevor man die Früchte ernten kann. Man muss in dieser Hinsicht ehrlich sein. Ja, man will Rendite erzielen. Aber man will auch, dass soziale Wertvorstellungen und Umweltbelange bei Anlageentscheidungen berücksichtigt werden. Dafür muss man einen Preis festlegen. In dieser Hinsicht stehen wir am Beginn einer sehr langen Reise, und die Frage ist, ob uns noch genug Zeit bleibt (...).“

Zeit wofür?

„Zeit für den Planeten. Um alles in Ordnung zu bringen.“

Ist das etwas, was Ihnen nachts den Schlaf raubt?

„Sagen wir mal so: Manchmal bekomme ich von Kollegen und Spezialisten Researchmaterial zugeschickt, das ziemlich deprimierend ist. Studien zum Klimawandel und seinen Folgen. Aber ich bin optimistisch. Wenn wir uns jetzt richtig anstrengen, dann können wir es hoffentlich noch schaffen.“

Ist eine Welt, in der große multinationale Konzerne verpflichtet werden, einen Teil ihrer Gewinne zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen am Beginn der Produktionskette zu verwenden, eine Utopie?

„Ich halte das nicht für eine sehr gute Lösung, weil es immer noch nicht integraler Bestandteil unternehmerischer Praxis wäre. Ich würde einen anderen Ansatz wählen. Es sollten mehr wirtschaftliche Modelle entwickelt werden, die diese externen Kosten in die Gewinn- und Wertberechnungen einbeziehen. Wie viel kostet ein Paar Schuhe tatsächlich, wenn man ein angemessenes Gehalt für alle Mitarbeiter – also mindestens so viel, dass man davon leben kann – und die Kosten bestimmter Umweltschutzmaßnahmen einrechnet? Welche Gewinnspanne bliebe dem Unternehmen? Und sind die Verbraucher bereit, einen Preisaufschlag zu bezahlen? Viele der Dinge, die wir heute haben, sind tatsächlich viel zu billig.“

Es ist wieder dasselbe Dilemma. Wir wissen, dass sich etwas ändern muss. Aber wenn wir selbst einen finanziellen oder sonstigen Beitrag leisten müssen, schauen wir dann weg?

„Ja, und deshalb glaube ich, dass wir erst am Anfang eines sehr langen Prozesses zur Internalisierung dieser externen Kosten stehen. Dafür gibt es noch keine allgemein anerkannten Modelle. Die Universitäten haben das bisher nicht in ihre Lehrpläne für finanzbezogene Studiengänge aufgenommen.“

Ist Bildung die Lösung?

„Sie ist sicherlich ein Teil der Lösung. Deshalb arbeiten wir mit der Erasmus-Universität zusammen. Diese hat auch ein vorläufiges Rahmenkonzept für die Einbeziehung von Nachhaltigkeit in Finanzanalysen entwickelt.

Veränderung beginnt auch beim Bewusstsein. Die neue Generation wächst mit einem stärkeren Bewusstsein für die Herausforderungen heran, die mit Nachhaltigkeit verbunden sind.

„Das ist jedenfalls bei meinen Kindern so. Wir sprechen zu Hause oft darüber, wie z. B. bestimmte Kleidungsstücke hergestellt werden. Das passiert automatisch, weil es Bestandteil meiner Arbeit und der meines Mannes ist. Jeder hat seine eigenen, arbeitsbezogenen Sorgen. Das ist vermutlich der Grund, warum wir zu Hause öfter hierüber reden als andere. Unsere Kinder kommen damit regelmäßig in Berührung. Kein oder weniger Fleisch zu essen oder einfach nachhaltiger zu leben – das ist für die neue Generation sehr viel selbstverständlicher als für uns.“

Die Lösung für unsere Probleme ist aber doch ein wenig komplizierter als das?

„Natürlich. Wir dürfen Nachhaltigkeit nicht fälschlicherweise als eine eindimensionale Angelegenheit darstellen. Es ist komplexer, als es scheint. Ein Elektroauto mag als nachhaltig erscheinen. Wenn aber der amerikanische Eigentümer eines Elektroautos dieses mit aus Kohle gewonnenem Strom lädt, dann ist es über die gesamte Nutzungsdauer nicht nachhaltiger als ein Auto mit Benzinmotor. Oder wenn ein multinationaler Konzern ein sehr energieeffizientes Gebäude direkt neben einer Autobahn errichtet, sodass es mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht erreicht werden kann.

Deshalb muss man Nachhaltigkeit ganzheitlich betrachten. Andernfalls befindet man sich im Blindflug und bringt vielleicht sogar negative Wirkungen hervor. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass wir in zehn Jahren zurückschauen und erkennen, dass wir in puncto Nachhaltigkeit nichts erreicht haben und auch in finanzieller Hinsicht gescheitert sind. Deshalb sind Research und integratives Denken unverzichtbar.“

Robeco hat als einer der ersten Assetmanager SDG-Produkte angeboten. Ist das ein Beispiel für Marktführerschaft und Innovation?

„Ganz sicher. Aber ich glaube, wir gehören auch zu den führenden Anbietern, was die Integration angeht. Viele Kunden sind in puncto Nachhaltigkeit recht fortgeschritten, aber sie tun sich schwer mit der tatsächlichen Integration. Man braucht gutes Research, und die eigenen Portfoliomanager und Analysten müssen akzeptieren, dass Unternehmen anders zu betrachten sind. Da wir dieses Fachwissen besitzen, ist es für uns leichter, auch auf andere Art und Weise Innovationen zu entwickeln. Daraus entsteht ein Multiplikatoreffekt. Es fängt bei den Spezialisten an. Aber irgendwann geht jeder diesen zusätzlichen Schritt, was dann zu viel mehr Innovation führt.

Wir haben mittlerweile ca. 60 Kunden mit besonderen Anforderungen in Bezug auf Nachhaltigkeit. Letztes Jahr waren es erst etwa 15. Die Nachfrage nimmt zu, aber auch unsere Fähigkeit, Lösungen bereitzustellen. Die SDGs, die Ziele für nachhaltige Entwicklung, sind ein gutes Beispiel dafür: RobecoSAM hatte die Idee und das Fachwissen, um ein Rahmenkonzept zu entwickeln, mit dem Analysten Unternehmen anhand von SDG-Kriterien beurteilen können. Letztlich sind die SDGs auch ein Teil der ESG-Integration. Diese erfordert Zeit und kann nicht einfach kopiert werden. Ein paar Daten zur Nachhaltigkeit zu kaufen und diese auf das eigene Portfolio anzuwenden, ist nicht dasselbe wie ESG-Integration.“

Heutzutage behaupten fast alle Assetmanager, dass ESG Teil ihrer DNA sei. Haben Sie manchmal das Gefühl, dass das nicht mehr als eine Marketingmasche ist?

„In recht vielen Fällen ist das ja. Es gibt aber auch Assetmanager, die das gut machen. Wir tun wirklich sehr viel. Denken Sie nur daran, wie viele Stewardship- Kodexe wir unterschrieben haben, an wie vielen Initiativen wir uns beteiligen und wie oft wir die Führung übernehmen, wenn es um aktive Einflussnahme und Abstimmungen auf Hauptversammlungen geht. Viele andere kommen gerade erst aus den Startlöchern. Es ist schön zu sehen, dass sich inzwischen auch andere Assetmanager anschließen. Wir können mehr erreichen, wenn jeder seinen Beitrag leistet. Man will sich aber immer noch von der Konkurrenz abheben. Diejenigen Assetmanager, die wirklich an Nachhaltigkeit glauben, werden gewinnen, weil sie aus den richtigen Gründen dabei sind. Und das wird letztlich entscheidend sein.“

Dieses Interview wurde ursprünglich in Sustainability Inside veröffentlicht.

 

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