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„Willkommen in der Welt der Plattformanbieter”

Die Digitalisierung wird nicht nur die Finanzunternehmen sondern auch die Aufsichtsbehörden vor neue Herausforderungen stellen, erklärt der Präsident der Bafin, Felix Hufeld.

Beim Board Briefing der Boston Consulting Group in Frankfurt stellte Bafin-Chef Felix Hufeld einige Thesen vor, die seiner Ansicht nach das Spiel auf den Finanzmärkten der Zukunft nachhaltig prägen werden. Dass sich traditionelle Wertschöpfungsketten durch den Einsatz von Big Data und Künstlicher Intelligenz (BDAI) deutlich beschleunigen, ist keine Neuigkeit. Da im Zuge dessen Dienstleistungen zunehmend an Dritte ausgelagert werden, drängen künftig neue Wettbewerber auf die Märkte, die die angebotenen Leistungen nicht mehr ausschließlich selbst herstellen. Deren Angebot umfasst beispielsweise Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit, vereinfachten Online-Zugang zu Dienstleistungen oder ein umfassendes Portfolio an Produkten, „ganz egal, wer deren eigentlicher Hersteller ist“. Der Wettbewerbsdruck, so Hufeld, zwinge traditionelle Finanzdienstleister, ihre Geschäftsmodelle entsprechend anzupassen. Das sei für die großen Technologieunternehmen jedoch einfacher zu realisieren, da in deren Erlösrechnung das Gewinnen persönlicher Daten Vorrang habe vor einem rentablen Finanzgeschäft.

Die Auswertung der Kundendaten diene diesen Unternehmen dazu, die Produktpalette zu verbreitern und individualisierte Dienste zu individuellen Preisen anzubieten. Das führe letztlich zu einigen wenigen Plattform-Anbietern, bei denen Kunden auf ihre speziellen Bedürfnisse zugeschnittene Lösungen aus einer Hand erhalten, was wiederum für einen “Lock-In”-Effekt sorge und damit monopolartige Marktstrukturen begünstige: „Willkommen in der Welt der Plattformanbieter”, scherzt Hufeld.

Damit ist Hufeld bei seiner zweiten These, dass nämlich auf solchen Märkten mit neuen, potenten Playern und monopolartigen Geschäftsmodellen auch die Aufsichtsorgane vor neuen Aufgaben stehen. „Regulierung und Aufsicht tun gut daran, sich möglichst frühzeitig um Antworten und Konzepte für die Fragen zu kümmern, die sich im Zusammenhang mit Outsourcing und Arbeitsteilung stellen werden.“

Ein weitere Aspekt, den Hufeld anspricht, ist die Systemrelevanz der neuen “Bigtechs” auf den Finanzmärkten, den diese zum einen aufgrund ihrer schieren Größe erreichen; außerdem zwingen die Bigtechs laut Hufeld andere Finanzunternehmen in eine Abhängigkeit, indem sie ihnen Daten oder Infrastrukturen kostenpflichtig zur Verfügung stellen: „Erweisen sich die Erkenntnisse der Bigtechs auch für andere als wertvoll, etwa für eine genauere Risikoeinschätzung, dann entsteht zwangsläufig Wettbewerbsdruck.“ Kaum ein Anbieter werde darauf verzichten wollen, auf dieses Wissen zuzugreifen. Das bringt Hufeld zu der Forderung, dass die Definition von Systemrelevanz in der digitalen Welt und der Umgang damit regulatorisch weiterentwickelt werden müssen.

Da Technologie der treibende Faktor auf den Finanzmärkten ist, folgert der Bafin-Chef, dass Banken und Versicherungen künftig vermehrt die unternehmerische Verantwortung an Algorithmen abgeben wollen. Das führt Hufeld zu seiner dritten These, dass nämlich die Aufsicht mit aller Konsequenz dafür sorgen muss, „das Primat der personalen, das heißt durch Menschen zu tragenden Verantwortung aufrechtzuerhalten.“ Schon heute werden bei Versicherungen Prozesse wie die Risikobewertung oder die Schadenbearbeitung ohne menschliches Zutun abgewickelt. „Die Letztverantwortung für Entscheidungen darf aber nicht an den Kollegen Computer oder an Algorithmen abgewälzt werden“, fordert Felix Hufeld, sie müsse beim Menschen bleiben.

Auch könne den Unternehmen nicht erlaubt werden, die innovativen Methoden des maschinellen Lernens in einer Black Box zu verstecken. „Auch bei sehr komplexen Modellen kann durch neue Ansätze immer ein Einblick in die Funktionsweise des Modells geebnet und zumindest können die tragenden Gründe für die Entscheidungsfindung nachvollziehbar gemacht werden.“ Nötig, so Hufeld, sei die Entwicklung von Mindestanforderungen, um verlässliche Standards für die Aufsicht zu etablieren.

Als vierten Kernpunkt seiner Ausführungen kam der Bafin-Chef auf den Verbraucherschutz zu sprechen. „Verbrauchern muss in einer Welt voller Plattformanbieter bewusst sein, dass sie in dem Moment, in dem sie diesen Unternehmen die Erlaubnis zum Datenzugriff erteilen, ihnen einen Schlüssel zum Eintritt in ihr privates Leben an die Hand geben.“

Mit dem Zugang zu den privaten Daten der Verbraucher können Technologieunternehmen Rückschlüsse auf Gesundheits- und Kreditausfallrisiken gewinnen – was wiederum sehr genaue Aussagen über Zahlungsbereitschaft und -fähigkeit eines jeden Kunden ermöglicht. Neben dem Nutzen für den Kunden sei hier auch die Gefahr des Datenmissbrauchs abzuwägen: „Zwischen erlaubter Differenzierung und unerlaubter Diskriminierung verläuft häufig ein sehr schmaler Grat.“ Es bestehe die Gefahr, so Hufeld, dass Kunden im Missbrauchsfall oder bei Datenlecks das Vertrauen in die Unternehmen, denen sie sensible Finanzdaten anvertraut haben, verlieren. Die digitalen Finanzunternehmen täten gut daran, abzuwägen, inwieweit „die Zusatzrendite durch die Monetarisierung persönlicher Daten den potenziellen Reputationsschaden und das Misstrauen der Verbraucher überwiegt.“

Die Aufgaben, vor denen sich die Regulierungs- und Aufsichtsbehörden befinden, lassen sich nach Ansicht Hufelds künftig nicht mehr allein auf nationaler Ebene lösen, sondern müssten noch stärker auf europäischem oder vielfach gar globalem Feld angegangen werden. Technologische Innovationen und digitale Geschäftsmodelle würden dazu beitragen, staatliche Grenzen noch leichter zu überwinden. Deshalb sei es umso wichtiger, dass Regulierer international zusammenarbeiten, weil es oft globale und meist weniger streng regulierte Unternehmen sind, die Big Data und KI-Technologie einsetzen und damit grundlegende Veränderungen an den Finanzmärkten herbeiführen.

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